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Augen auf – Klärung!

Es passiert immer, wenn ich Trash-TV schaue, wenn etwa in „Yersey Shore“ jemand brüllt: „Get that f*** bi** ut of tha house!“, statt zu argumentieren; oder wenn in entsprechenden deutschen Formaten gepöbelt, beleidigt und gelästert wird, statt Positionen zu klären. Immer dann muss ich an Immanuel Kant denken und an seinen Satz: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Und ich erinnere mich an die Diskussion, die dieser Satz damals in unserer Schulklasse auslöste, denn zu der Zeit, da Kant das schrieb (1784), existierte auf deutschem Boden noch die Leibeigenschaft, ein Großteil der Bevölkerung war von Bildung ausgeschlossen, es gab weder Reisefreiheit, noch Pressefreiheit, noch Gewerbefreiheit – wie konnte es da „selbstverschuldet“ sein, wenn jemand ein „Unvermögen“ besaß „sich seines Verstandes zu bedienen“? Unsere Deutschlehrerin besaß damals leider noch nicht die Möglichkeit, uns an Reality-TV zu verweisen oder auf beliebige Beitrags-Kommentare im Internet, die oft sehr anschaulich zeigen, dass Verstand und Vernunft nicht dasselbe sind.

Alle Deutschlehrer*innen sehen sich seit langem der Herausforderung gegenüber, die europäische Aufklärung – oder ihre deutschen literarischen Ableger: Sturm und Drang, Klassik, Romantik – einer Schülerschaft nahe zu bringen, die nur olle Perücken sieht, geschwurbelte Rede („Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“) und Text, sehr viel Text. Also: „F* you, Goethe!“ (Die Produktionsfirma der namentlichen Filmreihe ist übrigens damit gescheitert, diesen Titel schützen zu lassen; aus der Begründung der Justiz geht hervor, dass dort jemand seinen Knigge gelesen hatte). Was hat denn die Epoche der Aufklärung uns Menschen des 21. Jahrhunderts noch zu sagen? War doch alles ganz anders damals: Ein sehr kleiner Anteil an der Bevölkerung besaß den Großteil des Vermögens, arme Menschen starben früher, Frauen hungerten sich auf die Idealmaße „Taille gleich Hals“, viele glaubten, die Hautfarbe bestimme über die Fähigkeiten eines Menschen, Spinner brachten die Theorie auf, das Leben sei aus dem All auf die Erde gekommen, man hatte mit Dürren und Seuchen zu kämpfen und nirgendwo gab es Klopapier. Na gut, so anders jetzt doch nicht, außer, dass wir nicht mehr an Zahnschmerzen sterben. Wenn sich aber so vieles nicht geändert hat, was hat uns die Aufklärung dann je gebracht? Sie sei gescheitert, hört man in letzter Zeit öfter. Sie musste scheitern, weil sie ein Unterfangen alter weißer Männer war; und Kant geht gar nicht mehr, weil er mit seinem Konzept der „Rasse“ das Fundament für den Rassismus gelegt hat.

Dieser Blog hat sich vorgenommen zu zeigen, dass die Aufklärung und ihre Vertreter*innen kurzweiliger sind als ihr Ruf. Hier soll die Fürstin, die ein Hippie war ebenso zu Wort kommen wie der polnische Graf, der sich mit einer Silberkugel erschoss, weil er glaubte sich in einen Werwolf zu verwandeln. Und natürlich ist die Aufklärung nicht gescheitert; sie kann gar nicht scheitern, weil sie noch nicht vorbei ist. In der Zeit zwischen 1720 und 1820 hat die europäische Gesellschaft die Autobahnauffahrt mit der Aufschrift „Aufklärung“ genommen, und auf dieser Trasse sind wir immer noch unterwegs. Und wir tanken jedes mal auf, wenn jemand den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

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